Wir starten gen Osten

Ich ahne etwas, das ich noch nicht weiß, dass lange Reisen eine Wirkung auf Menschen haben. Sobald sich der Zug oder das Schiff in Bewegung setzt scheint alle Last von ihnen abzufallen. Und sie werden mit Leben erfüllt. Für einen Augenblick werden sie zu dem, der sie sein könnten, zu dem der sie werden könnten. Frei!

aus: Das Löwenmädchen, Eric Fosnes Hansen

 

30. Juni

Heute hat Volker den letzten Arbeitstag und die Freude über das Bevorstehende macht sich breit. Unsere Wohnung sieht chaotisch aus. Überall kleine Berge mit Dingen, die wir mitnehmen wollen. Die Schnecke steht startklar (mit frisch repariertem Wassertank) vor der Tür. Es kann also los gehen ...
Eine Textzeile von Dota Kehr beschreibt gut was wir gerade tun:
"Ich hab die Blumen weggeworfen und die Katze verschenkt, lass uns aufbrechen, Baby.
Ich hab die Wohnung abgeschlossen und den Schlüssen dran gehängt, steig auf dein Rad, wir fahr`n los."

 

Wir hängen den Schlüssel nicht an die Wohnung sondern stellen sie Freunden aus Honduras zur Verfügung.

Mi 8. Juli

Am Sonntag ging es ohne Schlagbaum und Hindernis nach Tschechien ... gemütliches Fahren ohne Autobahn, leckeres Bier in einer Brauerei, Kultur im Schloss Litomšl, viiieeel Schlafen, mit Händen und Füßen kommunizieren, genießen und einfach sein.

 

Inzwischen sind wir der Hitze entflohen und genießen auf 1300 m kühle 16 Grad in der Slowakei. 

 

10. Juli

Herrliche Höhenwanderung im Nationalpark Velká Fatra mit Gipfelbesteigung des Rakytov, bunte Blumenwiesen mit Orchideen inklusive. 

Die Höhenluft beschert uns 10 Stunden Schlaf in der Nacht und beste Erholung. 

Zu Essen gab es Piroggen und slowakische Käsespätzle - wir sind pappsatt. 

Morgen geht es weiter Richtung Ungarn zu Freunden. 

14. Juli

Nach wunderbaren Tagen in Ungarn bei Freunden, die wir 20 Jahre nicht gesehen haben, sind wir über die Ungarisch-Rumänische Grenze gekommen (ganze 9 Minuten für Warten und Abfertigung). Jetzt erholen wir uns in den Bergen. Den ganzen Tag zusammen sein ist erst einmal gewöhnungsbedürftig. Wetter und Temperatur sind perfekt - wir sind der Hitze entflohen.

16. Juli

Wir haben ihn heute Nacht entdeckt. Den Kometen mit Schweif. So schön! Mitternächtliche "Weihnachtsgefühle". Wir fühlen uns reich beschenkt von diesem Wunder, der frischen, klaren Luft. Wir schlafen wie die Murmeltiere 10 Stunden. 

18. Juli

Unser Weg fürhrte uns nach Sighetu Marmatiei unmittelbar an die rumänisch-ukrainische Grenze. Tief beeindruck waren wir dort vom Museum zur kommunistischen Verfolgung in Rumänien und zum Widerstand - super heftig, insbesondere, da wir Betroffene aus der Zeit kennen. 

Leider nur ein "Denkmal" ohne inneres Leben war dagegen das nahegelgene rekonstruiertes Kloster in Bârsana, das schon im 18. Jahrhundert zwangsweise verlassen und zerstört wurde. 

 

22. Juli

Wie besonders ist es, fröhliche, tiefgründige, gastfreundliche und inspirierende Menschen zu treffen - und das mit traumatischen Geschichten in kommunistischer Zeit mit mehreren Jahren Gefängnis als Pastor, Verschleppung der Mutter mit 7 Kindern im Güterwagon und 7 Jahren Verbannung, Armut, Krankheit und Not. Zwei Tage in Cluj/Klausenburg mit einer Pfarrersfamilie und mit einem Theaterautor und anderen Begegnungen - welch ein Reichtum liegt in den Kulturen und in der Vielfalt!

Jetzt hat es uns nach Râmetea in die Berge gezogen - ein Dorf mit UNESCO-Weltkulturerbe - und in der wundervollen Natur ein "kosmisches Kloster".  

27. Juli

Tageswanderung auf einen Gipfel mit WUNDERbarer Flora & Fauna. Viel Regen hat die Wege herausfordernd gemacht. Aber wir haben uns nicht unterkriegen lassen - gefühlt unser erstes Abenteuer ... eine Schlange, Hirschkäfer und unzählige, verschiedene Schmetterlinge und Grashüpfer.

In Sibiu/Hermannstadtr haben wir dann die Nacht und einen Tag verbracht. Aber mir war es nach der Natur zu laut und zu chaotisch. Schnell wieder in die Weite und Freiheit. Jetzt stehen wir ca. 15 Minuten von Sibiu entfernt auf einem Plätzchen mit Rundumblick. Herrlich die Wolkenschauspiele zu beobachten.

 

28. Juli

Big Wedding-Aniversary - 30 JAHRE

 

Ein riesiges Geschenk miteinander durch Dick und Dünn zu reisen:

Ziemlich beste Freunde ❤️ ungeschütze Offenheit ❤️ gemeinsame Interessen ❤️ zweisame Abenteuerreise ❤️ Menschenliebhaber ❤️ immer wieder Veränderung ❤️ Leidenschaft für Gott ❤️ beautiful imperfection ❤️ Freiheit und Unabhängigkeit ❤️ großzügig ❤️ lernen ❤️ kreativ & verrückt

30. Juli

Alpine Wanderung auf dem Pass der Alpenstraße Transfagarat weit über 2000 m Höhe. 

Und dann die besonderen Begegnungen in der Natur: 

Ein Mumeltier, ein riesiger Schwalbenschwanz (Schmetterling), Bergschafherden, Forellen ... und heute noch vor dem Frühstück eine Bärenmutter mit ihren drei Jungen aus nächster Nähe (Freude, Begeisterung, Respekt) ... und später noch ein aufgescheuchtes Jungtier - zum Glück saßen wir im Auto, sonst hätten wir richtig Angst bekommen!

4. August

Die Bergwelt begeistert auch auf dem Wasser und beim Mountainbiken. Und immer halten wir Ausschau nach den pelzigen Freunden (Holzarbeiter im Wald zu mir auf dem Fahrrad: "Wo du hinfahren? Viel Bär hier - aufpassen!).

Und wir haben dabei eine herzliche, junge Familie getroffen, die uns gleich zwei Tage zu sich nach Hause eingeladen hat: Ungemeine Gastfreundschaft, offene Herzen, großes Gottvertrauen. Sogar die Wäsche ist wieder sauber, so dass wir auch nach vier Wochen noch kein einziges Mal auf dem Campingplatz waren. 

10. August

Wir sind im Nationalpark Piatra Craiului gelandet und haben einen herrlichen Platz für die Schnecke und uns gefunden. Und ruck-zuck spinnen sich auch hier tolle Beziehungen. Ein Highlight war für mich die Geburt eines kleinen Kälbchens. Ich glaube ich habe mich verliebt - es wurde sogar nach mir benannt! Ich konnte lernen wie man Käse macht und diesen auch kosten. Das Leben auf dem Hof besteht von morgens bis abends aus harter Arbeit. Aber die Menschen strahlen Fröhlichkeit & Zufriedenheit aus. Volker ist auf den Mount Varvul La Om (2238 m) mit hefiger Gratwanderung gestiegen und kam abends glücklich aber total fertig zurück. Dann ist auch die spontane Gastfreundschaft zu viel ...

10. August

Die Gestfreundschaft ist wundervoll: Wo wir auch immer wir mit unserer Schnecke stehen oder zu Fuß unterwegs sind, lernen wir herzliche und offene Menschen kennen. Alleine in den letzten fünf Tagen wurden wir vier Mal zu üppigem Essen, zu hausgemachtem Käse und zu Palinka (selbst gebrannter Obstschnapps) eingeladen - von einfachen Bauersleuten ebenso wie von international aktiven Ingenieuren. 

Da heute morgen unser Brot ausgeganen ist, haben wir uns mit Pfannkuchen und leckerer Walderdbeer-Marmelade versorgt - was für ein Leben!

13. August

Die Kirche im Dorf war das erste Gebäude aus Stein und zugleich bildete der Glaube eine Zuflucht und das Zentrum - eine Kirchenburg aus dem Mittelalter am Honigberg als beeindruckendes Symbol. Da versteht man besser, warum es heißt "eine feste Burg ist unser Gott". Die rumänischen "Burghüter" dort sind inspiriernde Menschen, die unter anderem fast 30 Jahre in Hessen gearbeitet und jetzt eine neue Berufung gefunden haben. Ich bin gespannt, wie die für uns aussieht - es muss mehr sein, als die Bewahrung von historischem Erbe auf dem Dorf!

Durch die Berge ging es dann weiter mit Lagerfeuer & Stockbrot zum schwarzen Meer.

18. August

Wow, wir sind im Donaudelta angekommen. Bisschen heiß und viele Mücken aber Flora und Fauna absolut klasse. Für dieses Erlebnis haben wir uns sogar um 4:45 Uhr (gefühlt mitten in der Nacht aus dem Bus gequält). Bei Sonnenaufgang ging es im Boot von Vasile (uriger Typ) durch kleine Kanäle zu den Hauptorten der Eisvögel, Kormorane, Möwen, Reiher und monströsen Pelikane. Kilometerweit Seerosenflächen mit großen und kleinen Bewohnern. Wir kamen völlig beglückt von so viel Schönheit der Natur wieder ins enge Leben des Campingplatzens zurück. Ich habe von Anca (arbeitet als Krankenschwester im Veterinärbereich) noch meine B12 Spritze bekommen und dann sind wir der Hitze entflohen. Wir hatten eine kühle Nacht mit der Schnecke auf einem Berg.

20. August

Heute Morgen bekamen wir auf unserem Aussichts-Schlafplatz oberhalb des Donau-Deltas überraschenden Besuch. Ganz gemützlich kam "Möhre" angelaufen (so hat sie Ulli gleich benannt) und hat sich dann weiter auf den Weg ins Gebüsch gemacht. 

Außerdem habe ich beim Morgenspaziergang beeindruckende 20 Wiedehopf-Vögel beobachtet und mindestens so viele "Bienenfresser" mit ihrem bunten Federkleid. Wunderschön!!

Und die nächste Etappe? Die Grenze nach Georgien ist leider noch geschlossen, so dass wir erst Mal Richtung Türkei und Mittelmeer weiterrollen werden. 

24. August

Zum ersten Mal im Leben am Schwarzen Meer! 
Endlich wieder Schwimmen und Austoben ... in die Weite schauen ... viele grüne Algen und kleine Tierchen in der Badehose und im Badeanzug ... heiß, heißer, am heißesten, auch Nachts ... ziemlich viele Menschen. 

Und gestern war dann alles leer: Die Gasflasche im Auto (dummerweise fehlt uns der Adapter zum Befüllen lassen hier), der Wassertank und der Geldbeutel - Wasser kommt aus dem Hahn in der Stadt und Geld aus dem Automat, wie praktisch!

Aber wir sind dann doch zurück in die Karpaten in Kühle gefahren. 

25. August

"Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein" lautete der Bibeltext aus Psalm 23 für den gestgrigen Tag - und er hat sich vielfach erfüllt: An einer Gastankstelle in einem Dorf lag der passende Adapter für die deutsche Gasflasche bereit und in einer Minute und für nur 2 € war die Flasche neu betankt (in Deutschland kostet die Füllung 29,80 €), wir haben frisches Quellwasser für den Wassertank gefunden und die Vorräte in Bio-Qualität wurden im Supermakt gefüllt.

Grund zum Feiern und zugleich zum Aktzeptieren, dass es mit Georgien nichts mehr wird: Die Landesgrenzen bleiben mindestens bis Ende September geschlossen!

26. August 

Schaut mal, was frau so auf den fetten Wiesen Rumäniens entdecken kann. Riesenschirmlinge. Schnell im Internet gecheckt, ob es auch wirklich stimmt und dann sind wir mit einer Tüte bewaffnet losgezogen und haben unser Mittagessen gesammelt. Die Ausbeute war dann so groß, dass es auch noch für den Abend reichte. Und schmackhaft waren die!!!

Es ist wunderschön Blumen und kleine Tiere zu entdecken. Die Ruhetage auf dem Pass haben uns beiden sehr gut getan.. Volker ist schon wieder mit dem Rad los und testet seine Grenzen. Ich bin auf den letzten Seiten meines Buches und genieße Ruhe und Sonne. Bis auf ein paar Wanderer bin ich ganz alleine. Ich liebe es! Und dann bin ich gespannt, wohin uns die nächste Etappe führt. Wahrscheinlich bleiben wir noch in den Bergen, denn die Ebene ist einfach zu heiß. 

 

1. September

Bei uns kommt der Strom ab sofort von der Sonne! Zu diesem Zweck ziert eine Photovoltaik-Anlage mit 155 Watt das Schneckendach und macht uns komplett unabhängig!

Angeregt durch zwei Camper-Begegnungen haben wir uns kurzfristig zu dieser Aktion entschlossen: In Brasov/Kronstadt am Montag eingekauft - und schon fließen nach 10 Stunden tüfteln und werkeln bei strahlender Sonne 8,4 Ampere direkt in die Zweitbatterie - ein herausforderndes Bauprojekt mit Spaßfaktor und guter Ökobilanz. 

3. September

Eigentlich wollten wir nur ein schönes Übernachtungsplätzchen suchen. Und plötzlich fanden wir uns in einer urigen Schäferthütte wieder: durften Käse kosten, wurden zum Pilzeessen eingeladen und erlebten eine lustige Zeit. Meine Nase war ziemlich "gestresst" - Schafe stinken einfach! So nebenbei haben wir noch Veronika und Bogdan mit ihren Kindern kennengelernt, die in der Nähe ihr neues Blockhaus bauen. Wir haben viel gelacht, viel getrunken und sind abends sehr müde in unser Bett gesunken. Morgens klopfte einer der Schäfer an unsere Tür und brachte uns Frühstück: Polentaklöße mit Schafkäse (Mamaliga). Es hat für die nächsten drei Malzeiten gereicht!

 

10. September

Vielfältig haben wir uns aus Rumänien verabschiedet:

- nochmals einige herrliche Tage mit Natur pur an einem Fluss,

- das pulsierende Leben des mittelalterlichen Kronstadt/Brasov mit einem traditionellen Konfirmationsgottesdienst in Deutsch

- drei Tage bei einem Gipsy-Dorf mit wilden Erfahrungen

- brodelnde Schlammvulkane mit Gasen aus 3000 m Tiefe

und dann zum ersten Mal lange Staus um die Stadt Bukarest.  

 

12. September

Auch Bulgarien ist eine gute Entschädigung für Georgien. Manchmal wird man einfach überrascht, wenn die Pläne vereitelt werden: tolle Straßen (kaum Schlaglöcher) und uralte Steine, in denen modernes Leben pulsiert, wie z. B. hier in Plovdiv. Galina führt uns stolz durch orthodoxe Ecken ihrer Geschichte als Künstlerin. Und dann stolpern wir eher zufällig über das Angebot "Open Opera 2020" - endlich wieder Kultur. Und das im 2000 Jahre alten Amphietheater der Stadt. Welch eine Überraschung! Heute wird in unserer Airbnb-Wohnung gewaschen, relaxt, neu organisiert, gelesen, durchgeatmet (Klimaanlage), ...

Das Foto entstand beim Nationaldenkmal auf 1400 Meter Höhe des Balkangebirges.

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Ulli und Volker